Leitartikel des Präsidenten Wolfgang Beck in der Vereinszeitung Februar / März 2005


Liebe Mitglieder,


seit der alte Zigarrenraucher aus Fürth mit seinem Grundsatz "Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie" ein von den Nazis und ihrem Krieg zerstörtes Land zum Wirtschaftswunder führte, wissen wir alle, dass man mit Jammern nicht aus seinem Tal herauskommt. Zumal wir ausgerechnet dort "auf hohem Niveau" klagen, wie wir überall lesen können.

Wo bleibt das Positive? In und um Erlangen herum!
"Die Briten hätten gern die deutschen Sorgen", schreibt man, die Region Nürnberg liegt in Wirtschaftskraft und -dynamik sowie Innovationsstärke auf dem 6. Platz der deutschen Wirtschaftsregionen, der Großraum Nürnberg ist auf dem Weg zur europäischen Metropolregion, Erlangen als Stadt der Zukunft (Konjunktur und Arbeitsmarkt, Demografie, Innovation, soziale Lage) auf Platz 7 von 439 deutschen Städten! Die Reihe ließe sich fortsetzen.
Umfragen, Statistiken, Rankings - überall sind wir Spitze. Dummerweise aber kriegen das nicht alle mit oder wollen es nicht wahrhaben. Wehe, es trifft auf die persönliche Lage nicht zu.
Wir in der Führung des TV 1848 jedenfalls schließen uns dem oben fixierten Optimismus an. Neuere Erkenntnisse aus dem Marketing-Projekt bestärken uns in der Einschätzung der Möglichkeiten unseres Sportvereins. Unsere Projekte und ihre Entwicklung in den letzten Jahren haben uns Recht gegeben.
Qualität, Interessen und Sparpolitik
Eine Umfrage des WLSB (s. TV-Zeitung 6/2004) ergab, dass den Vereinsmitgliedern die Qualität des Sportangebots (Fähigkeiten der Übungsleiter, Sportanlagen) am allerwichtigsten ist, während der "günstige Mitgliedsbeitrag" auf dem 12. Platz landete! Analog dazu - freilich nicht deswegen - haben wir jetzt im Bereich Gymnastik gehandelt. Uns blieb bei den allgemein steigenden Kosten und den Rückgängen der Sportförderung (s. "Negativ-Liste" unseres Geschäftsführers Jörg Bergner, S. 9) zur langfristigen Sicherung unserer Qualitätsangebote und des Ausbaus der Gymnastik zu ihrer Attraktivitätssteigerung gar nichts anderes übrig, als hier Zusatzbeiträge von 2,50 Euro einzuführen. Wir mussten die zusätzlichen Kosten dort decken, wo sie entstehen.
Das Ziel: Qualität auf allen Ebenen
Qualitätsmanagement als durchgängiges Prinzip im Verein - das ist ein Postulat, das wir in den letzten Jahren immer mehr umsetzen konnten, was in den Lenkungsmechanismen des Präsidiums praktiziert wird, sich in den Leitungs- und Mitarbeiter-Teambesprechungen sowie den schriftlichen Jahresberichten der Mitarbeiter und den Personalgesprächen fortsetzt, in der TÜV-Zertifizierung des TV-Vital seinen nach außen sichtbaren Ausdruck fand, sollte in der Qualitätsarbeit unserer Übungsleiter (ÜL) auch bei den SportlerInnen ankommen und erkennbar sein! Beim TV 1848 wird solide gearbeitet, die Qualität entspricht unseren Ansprüchen. Bei Umfragen in Kursen des TV-Vital gab es fast nur gute und sehr gute Noten. Zwei ÜL sagten mir neulich im Gespräch: "Die Kurse sind alle gut organisiert. Das Programm passt." (Brigitte Schöneboom) "Die Veranstaltungen kommen alle gut an. Angebot und Nachfrage stimmen." (Yvonne Mund).
Die Übungsleiter - das Sportherz des Vereins
Über die ÜL ist zu Recht viel geschrieben worden. Sie sind für den Verein von allerhöchster Bedeutung. Wenn ein Breitensportverein seine Hauptaufgabe ernst nehmen will, muss er für die Persönlichkeitsentwicklung (s. TV-Zeitung 2/2004, S. 48f), ihre Aus- und Weiterbildung sorgen (s. Künsberg-Bericht, S. 50). Mit dem Bericht über die TV-Übungsleiter (s. S. 49 ff) haben wir ihr ganzes Spektrum aufzeigen wollen: Die Vielfalt ihrer Persönlichkeiten und Sportarten, vor allem aber auch das System und die Strukturen seines Aufbaus werden sichtbar. Sportleiter Günther Beierlorzer z. B. sagt über Uschi Hauenstein-Mehls ÜL-Gruppe: "Sie bilden ein gutes Team. Sein Neuaufbau ist gelungen. Der Massenandrang in den Stunden wurde aufgefangen, indem zwei bis drei Helferinnen, die später ihre ÜL-Scheine erwerben, die ausgebildete Übungsleiterin unterstützen."
Übungsleiterzuschüsse - die Gretchenfrage des Breitensports
Ich meine, es wird erkennbar, warum die ÜL-Zuschüsse für die Breitensportvereine zur Gretchenfrage werden mussten: Wer sie gewährt, erkennt den gesamtgesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen Wert des Körperbewegungsunterrichts durch Fachkräfte als quasi hoheitliche Aufgabe an. Wer sie kürzt oder streicht, behandelt die Dienstleistung für den Staat wie eine Wirtschaftssubvention.
Wie sehr die Vereine in ihrer Aufgabe des Sportunterrichts für alle auf Staatszuschüsse angewiesen sind, weiß auch der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion Joachim Herrmann, der den Kontakt zu seinem TV 1848 Erlangen - wie auch zu anderen Vereinen - pflegt. Er schrieb mir bereits am 3.12.2004, dass die Übungsleiterpauschale von 2 Euro pro Stunde "für das Kalenderjahr 2004 ein großer Erfolg" sei, "nur in Bayern gibt es im Vergleich der Länder Deutschlands eine derart großzügige Regelung." Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Aber der CSU-Fraktionschef im Maximilianeum kündigte auch an, dass die ÜL-Pauschale für 2005 voraussichtlich "reduziert werden muss". Demgegenüber legt sich der Chef der CSU-Fraktion im Erlanger Rathaus, Hermann Gumbmann, in seiner Haushaltsrede am 9.12.2004 fest: "Wichtig ist auch für die CSU, dass die Zuschüsse für Vereine, Organisationen, Verbände nicht gekürzt werden." Ich halte dies für ein mutiges und zugleich notwendiges Signal für die Zukunft unserer Stadt.
Staatsregierung im Rückwärtsgang?
Wer die Tendenz der Sportförderung aus München im letzten Jahrzehnt miterlebt hat, weiß wohin die Reise geht (von punktuellen Sonderprogrammen abgesehen, die auch unserem TV 1848 nützten!): Immer weniger, z. T. dramatisch weniger Geld für den Sport.
Wohin die kaum erklärbare - es sei den bundesstrategisch bedingte - Sparorgie der Stoiber-Regierung künftig führen soll, macht ein Strategiepapier der Staatskanzlei deutlich, das in der "Zeit" ("Der bayerische Patient", 5.8.2004) so zitiert wird: "Die staatliche Betätigung", so heißt es da, habe sich in Zukunft "auf das strikt Notwendige und Unerlässliche zu beschränken." Die Erfahrung lehrt uns, was das für den bayerischen Breiten- und Freizeitsport bedeutet.
Machen wir uns nichts vor! Der Breitensportverein, der in seiner Zukunftsplanung auf Mittel des Staates setzt, hat schon verloren. Die Staatsregierung wird ihre Salami-Taktik in der Sportförderung unvermindert und kaum gehindert (der Landtag als letzte Bastion der Hoffnung) fortsetzen.
Wenn man doch den alten Zigarrenraucher aus Fürth noch um Hilfe bitten könnte. Aber der ist schon lange tot.
Warum braucht der TV 1848 ein Leitbild?
Vor Jahresfrist, als die 16-jährige Tochter wieder einmal diskussionsfreudig aus der Schule nach Hause kam, stellte sie die Frage: "Papa, zu welchen Zielen erzieht ihr mich eigentlich?" Die Wertediskussion im Haus war entfacht. Einen Konsens gab es nicht.
Erziehungsmuster in der Familie natürlich in Frage gestellt, ihrer Verbindlichkeit beraubt bzw. außer Kraft gesetzt, Wertedefinitionen in Schulordnungen und Verfassungen (BV, GG) beiseite gelassen, das Christentum an den Rand gedrängt - da sind in der Mitte unserer Gesellschaft Leere und Unverbindlichkeiten an Normen, Wertmaßstäben entstanden, die nach Lösungen verlangen.
Die Diskussionen in Familien, die Entstehung einer Schul-Charta (z. B. im MTG), die Formulierung von Leitbildern in Institutionen, Firmen, die politische Auseinandersetzung um eine Leitkultur sind für mich Ausdruck einer Suche nach einem Konsens in den Wertmaßstäben des Zusammenlebens in unserer Zeit. Da kam mir der Anstoß des Freiburger Kreises zur Entwicklung eines Vereins-Leitbildes gerade recht, zumal wir in der Marketing-Gruppe das Thema "Profil des Vereins" hatten.
Über die Entstehung des TV-Leitbildes hat der Geschäftsführer berichtet (s. S. 10). Es dienst einerseits der Profilbildung und Strukturierung unseres Vereins, macht andererseits unser Selbstverständnis der sportlichen, politischen und sozialen Rolle des TV 1848 in unserer Stadt erkennbar. Man mag in einzelnen Teilen, Formulierungen, um die wir gerungen haben, anderer Meinung sein, die Gesamtheit des Leitbildes - eingebettet in die Zielsetzungen deutscher Großvereine - soll erhalten bleiben. Es ist meines Erachtens auch ein Beitrag zur Wertediskussion und -bildung. Wir wollen mit diesem Leitbild uns selber orientieren, aber auch unsere Vorstellungen weitergeben und, wenn möglich, einen Konsens zur Rolle des Sports in Erlangen erreichen.
Hohe Ehrung für Freia und Klaus Thiel
Wenn ein junges Paar zunächst eine neue Sportart im Verein etabliert, aus ihr eine Abteilung formt und sie leitet, sie in der Breite (über 200 Mitglieder) ausbaut und in der Spitze (1. und 2. Bundesliga) behauptet, die großen Geräte mit dem eigenen Anhänger zu den Wettkampforten transportiert, mit den Jugendlichen auf der ganzen Welt zu Jahrgangsmeisterschaften fährt, darüber dann auch älter wird, Trainer in Deutschland ausbildet, das ganze Abteilungsleben (und was für eins!) mit Helfern organisiert, die Wettkampfmannschaften über viele Jahre zu Hause zum Grillen einlädt, das Grüne Band (DTB und Dresdner Bank) als hoch dotierten Preis (nach TTC-Tanzen und TB-Hockey) zum dritten Mal überhaupt nach Erlangen holt, unverdrossen seine Aufgaben weitermacht, ohne Nachfolger finden zu können - dann sind unversehens 42 Jahre vergangen und aus dem jungen Paar ist ein Pensionärspaar mit Kindern und Enkeln geworden, und es ist zurückgetreten und nun - nach der TV-Ehrenmitgliedschaft und dem Ehrenbrief der Stadt in früheren Jahren - mit der höchsten Vereinsnadel, der Verdienstnadel in Gold mit Brillanten des BLSV ausgezeichnet worden - von Walter Fellermeier, dem BLSV-Kreis-Chef, der selber schon über 25 Jahre als Vizevorsitzender und Vorsitzender des BLSV im Amt ist. Freia und Klaus Thiel haben mit ihrem Werk TV-Geschichte geschrieben. In dem künftigen Geschichtsbuch des TV 1848 werden sie ihren Platz finden.

 Liebe Mitglieder,
zum Schluss heiße ich alle Neuen unter uns herzlich willkommen! Die umfangreichen, langen Namensreihen signalisieren die anhaltende Attraktivität des TV 1848. Ich wünsche Allen im Namen der Vereinsführung einen guten, fröhlichen Sport und schöne Geselligkeit im Turnverein!