Leitartikel des Präsidenten Wolfgang Beck in der Vereinszeitung April / Mai 2005

Liebe Mitglieder,


das liebe Geld wird für viele Sportvereine ein großes Thema bleiben, für manche wird es zur Existenzfrage werden. „Sportvereine, die weniger als 700 oder 800 Mitglieder haben, können nicht überleben“, hat der Nürnberger BLSV-Kreischef Günter Stark festgestellt in der Antwort auf die Frage, ob das Heil mancher Vereine in der Fusion liege. Vereinsfusion als Ausweg aus der Finanzmisere und zur Sicherung der Sportanlagen und des Angebots - dazu müssten „viele benachbarte Clubs allerdings über ihre Schatten springen“, schreiben die EN (19.11.2004). In Nürnberg haben in den letzten Jahren fusioniert: Frankonia und ATV, SB Morgenrot und SC Mögeldorf (jetzt: Mögeldorf 2000), TV Jahn und Schweinau (jetzt: TV Jahn Schweinau), wie BLSV-Kreischef Walter Fellermeier auf Anfrage mitteilte.

Beitragsanpassungen überall
Vier Mal in acht Amtsjahren seines Vorsitzenden Werner Wild hat der Post SV Nürnberg, Bayerns drittgrößter Verein und größter Breitensportverein, die Beiträge angepasst. Wer in den letzten Monaten die Berichte der EN über Mitgliederversammlungen der Sportvereine gelesen hat, konnte feststellen, dass (mit einer Ausnahme) alle eine Beitragsanpassung vornehmen mussten. Turnerbund und Turnverein haben sie für die kommenden Versammlungen angekündigt.
Vereine in Bedrängnis
Jörg Bergners „Negativliste für Vereinsfinanzen“ in der letzten Ausgabe dieser Zeitung hat in einer Übersicht das Problem am Beispiel des TV 1848 deutlich gemacht. Kostensteigerungen (in einzelnen Bereichen bis zu 50 %) für den Verein einerseits, Kürzung der Zuschüsse vom BLSV (z. B. für Großgeräte bis zu 75 %) andererseits - dies ergab für 2004 ein Finanzloch von ca. 20.000 Euro, für 2005 sind ca. 30.000 Euro zu erwarten. Diese Lücke wird aber voraussichtlich noch größer, weil die Übungsleiterzuschüsse wahrscheinlich noch weiter gekürzt werden. Das Problem für das Jahr 2006, ab dem die Anpassungen wirksam werden, ist noch gar nicht zu beziffern. Was uns aber wahrscheinlich erwartet, habe ich schon in der letzten Zeitung geschrieben. Folglich wird sich auch die Vereinsführung des TV 1848 - wie die meisten seriös geführten Breitensportvereine - von der Mitgliederversammlung eine Beitragsanpassung im moderaten Rahmen genehmigen lassen. Wir machen uns diesen Schritt nicht leicht, aber es wäre leichtfertig angesichts der Verantwortung für die Existenz des TV 1848 und für seine über 6.000 Mitglieder, diesen Schritt nicht zu tun. Wir würden danach mit den Mitgliederbeiträgen weiterhin im Mittelfeld der Vereine vergleichbarer Größe und Leistung liegen. Behauptungen, der TV sei der teuerste Verein, sind einfach falsch. Es sei denn, man vergleicht Äpfel mit Birnen.
Notwendiger Bewusstseinswandel
Die niederdrückende Gleichzeitigkeit von Kostensteigerungen einerseits und Zuschusskürzungen andererseits hat die bayerischen Sportvereine insgesamt schwer getroffen. Sie war vorhersehbar, die Proteste der Vereine gegen die Kürzungen haben nur wenig bewirkt. Jetzt sind die (Breiten-) Sportvereine dabei, die neuen Finanzlücken durch höhere Mitgliederbeiträge zu schließen. Eine andere wirkliche Lösung gibt es nicht. Mittelfristig scheint mir hierbei die fast vollständige Autarkie der Vereine kaum noch vermeidbar. Die Zuschüsse werden gegen Null tendieren. Beim TV 1848 bewegen sie sich gegenwärtig bei etwa 6 Prozent des Etats, nachdem der Anteil der Zuschüsse am Etat des Vereins vor 10 Jahren noch über 20 % gelegen war. Die Vereine werden sich selber finanzieren müssen aus Mitgliederbeiträgen, Sponsoren-, Mäzenen- und sonstigen Geldern, die sie sich (auf dem Markt) besorgen müssen. Wir werden begreifen und umsetzen müssen: Die Zeit staatlicher Subventionen geht meiner Meinung nach mittelfristig zu Ende, obwohl wir staatliche Aufgaben wahrnehmen, z. B. in der Übungsleiterfrage!
Unsere Dienstleistungsfrage
Der wachsende, expansive Großverein mit hoher Mitgliederfluktuation (850 Eintritte, 750 Austritte im Jahr als Beispiel) - das ist die Existenzrealität des TV 1848. Der Traditionsverein mit 2000 passiven Mitgliedern, die ihrem TV 1848 über Jahrzehnte die Treue halten und ihn durch ihre Beiträge finanziell unterstützen, ist ein Trugbild. Es gibt nur 192 Mitglieder, die länger als 30 Jahre im Verein sind, die heute 31-Jährigen und Ältere, die vor 1975 eintraten, inbegriffen. Die meisten Mitglieder des Turnvereins erwarten für ihre Beiträge eine entsprechende Dienstleistung von Sportstätten und Übungsleitern. Dem müssen wir durch deren Qualität Rechnung tragen.
Unser altes, buntes Fenster grüßt tagsüber leuchtend mit dem „Frisch-Fromm-Fröhlich-Frei“ der deutschen Turngeschichte. Es erinnert im Jahnhallen-Treppenhaus an unsere lange Vereinstradition. Bei aller hohen Mitgliederfluktuation wollen wir sie bewahren und den jahrzehntelangen Mitgliedern für ihre Vereinstreue danken.
Das Wir-Gefühl im großen Miteinander der Mitglieder kann aus der Tradition heraus infolge der strukturellen Veränderung nicht mehr abteilungsübergreifend vorhanden sein. Hieran arbeiten wir in den entsprechenden Gruppen schon allein deshalb, weil wir die Rekrutierungsbasis des Ehrenamts nicht verlieren dürfen: Die Identifizierung mit ihrem Verein, der keine Dienstleistungen zum Sozialtarif anbieten kann, sollte den Mitgliedern wieder ein Bedürfnis werden.

Abschließend heiße ich alle neuen Mitglieder im TV 1848 Erlangen herzlich willkommen und wünsche ihnen Freude an der Bewegung bei Körperkultur und Sport.