Leitartikel des Präsidenten Wolfgang Beck in der Vereinszeitung August / September 2005

Liebe Mitglieder,


in unserer Zeit beschert die Globalisierung selbst den größten deutschen Konzernen einen harten Gegenwind, haben diese längst Shareholder-Value zum alleinigen Führungskonzept gemacht, ist die Europäische Union zum größten Markt der Erde expandiert. Kann in dieser Zeit der riesigen ökonomischen, politischen, gesellschaftlichen Veränderungen, deren Ausmaß und Bedeutung erst nachfolgende Generationen richtig werden bewerten können, unser guter alter Turnverein von 1848 noch der alte bleiben? Natürlich nicht. Andererseits kann die Veränderung nicht so radikal erfolgen, wie das etwa das Siemens-Management durchziehen würde. Es würde vielleicht unsere Kegelbahnen als Laufstege an Versace oder Escada verpachten, unsere Tischtennisplatten an einen Party-Service verleihen, unsere Laufbahnen als Schwarze-Sheriff-Laufzentrum verkaufen, unsere Tennisplätze als Hubschrauber-Landeplätze fürs Bezirkskrankenhaus maximieren und unsere Tennisspieler zu Vorruhestand-Teams an Fazit oder den Ratsstift outsourcen.

Vom Traditionsverein zum Dienstleistungsbetrieb
Während der TV 1848 sich vor 20 Jahren noch als Traditionsverein mit neuen Sportabteilungen (Trampolin, Judo, Badminton etc.) verstand, haben sich die Verhältnisse mittlerweile grundlegend verändert. Wir hatten vor der Eröffnung des Fitness- und Gesundheitszentrums „TV-Vital“ vor vier Jahren noch eine Parität von alten und neuen Abteilungen einerseits und Freizeit- und Gesundheitssport andererseits. Dagegen sind mittlerweile 60 % der Mitglieder den letztgenannten Sportbereichen zuzuordnen. Was bedeutet: Von den derzeit 6.400 Mitgliedern nehmen fast 4000 die Dienstleistung des TV 1848 im Gesundheitsbereich in Anspruch. Haben wir dieses Segment vor Jahren noch als Marginalie eingestuft, ist es längst zur Grundlage unseres Vereinswachstums und -erfolgs zu begreifen. Der Freiburger Kreis in der Öffentlichkeit oft als „Denkstube des deutschen Sports“ charakterisiert, bilanziert in seiner Zeitung (Ausgabe Mai 2005, S. 17), „dass Großsportvereine lernen müssen, sich als professionelle Dienstleistungsanbieter zu verstehen.“
Effektives Controlling
Mit der Einführung des Scorecard-Systems hat Geschäftsführer Jörg Bergner eine exzellente Möglichkeit geschaffen, tatsächliche Einnahmen und Ausgaben des Vereins monatlich mit der Planung, aber auch mit dem Vorjahresstand zu vergleichen, zu bewerten und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Gleichzeitig werden die Entwicklungen einzelner Einnahmen- / Ausgabenbereiche in ihrer Bedeutung für den Gesamthaushalt gemessen. So sind sinkende Auslastung der Kegelbahnen und sinkende Bierrückvergütung ein wirtschaftliches Ärgernis, haben aber für die Gesamtentwicklung eine eher untergeordnete Bedeutung, während beispielsweise Übungsleiterkosten und Zuschüsse für die Bilanzen ein mittleres Gewicht haben, aber die Einnahmen im TV-Vital, die Sanierungen unserer Immobilien, die allgemeine Mitgliederentwicklung allerhöchste Priorität besitzen. Von selbsternannten Chefstrategen eröffnete Nebenkriegsschauplätze sollten als solche von den TV-Mitgliedern auch erkannt werden: Eine aufgeblähte Kritik an Randproblemen des TV 1848 dient der Selbstdarstellung des Kritikers, aber kaum der Entwicklung des TV. Der Verein jedenfalls hat sich als moderner Dienstleistungsanbieter bewährt.
Quo vadis Tennisabteilung?
Während der Gesamtverein TV 1848 in den letzten 15 Jahren von 4.000 auf 6.000 Mitglieder gewachsen ist, musste die Tennisabteilung einen dramatischen Mitgliederverlust von 600 auf 250 hinnehmen. Waren einmal 12 % aller TVler Tennismitglieder, so sind es jetzt noch 4 %. Konnten früher aus den Zusatzbeiträgen Überschüsse für den Verein erwachsen, so decken sie jetzt gerade noch die Kosten der Abteilung. In einem von Dietmar Dommick einberufenen Gespräch von Vereinsführung und Abteilungsvertretern wurde eine Standortbestimmung des Tennissports im Turnverein diskutiert. Der neue Jugendwart Harald Kreuzinger hat ein Konzept „für den Aufbau der am Boden liegenden Jugendabteilung“ erarbeitet. Mit Kreuzingers professioneller Arbeit soll der Abwärtstrend gestoppt und ein nennenswerter Mitgliederzuwachs erreicht werden. Man darf gespannt sein auf die Resultate dieser Initiative, die von Abteilungsleitung und Vereinsführung gleichermaßen unterstützt wird. Für den traditionellen Abteilungssport im TV und für den Tennissport im Stadtwesten wäre diese Umkehr ein enorm wichtiges Signal.
Ein neues Signal wollen wir auch mit der ältesten fernöstlichen Selbstverteidigungssportart JuJitsu setzen. Der vereinserfahrene, engagierte Martin Hofer wird mit seinen Sportfreunden eine neue Abteilung im TV gründen (Bericht in der nächsten TV-Zeitung). Ich bin sicher, dass es ihm gelingt, im TV neue Akzente zu setzen. Martin Hofer leitet im Turnverein bereits einen Kurs für effiziente Selbstverteidigung in Notsituationen.
Das Integrationsproblem
Ein Sportverein tut gut daran, wenn er sich mit den ihm eigenen Möglichkeiten gesellschaftlichen Herausforderungen stellt. So sind die Weichen im TV 1848 für einen größeren Beitrag zur Einordnung der Russlanddeutschen in die Erlanger Gesellschaft gestellt. Mit Svetlana Forrs Frauengruppe (s. S. 52) haben wir einen viel versprechenden Anfang gemacht. Eine Gruppe von jungen Boxern ist mittlerweile ebenfalls im TV. Die Max-Elsner-Stiftung wird uns möglicherweise bei dieser wichtigen Aufgabe unterstützen.
Die Initiative des BLSV („Integration durch Sport“, jetzt „Sport für alle“) wird durch Günther Beierlorzers kluge, umsichtige Arbeit auf vielfältige Weise im TV 1848 umgesetzt. Mir will scheinen, ein großes Feld mit nachhaltigen Aufgabenstellungen wird im Aussiedler- und Ausländersport zu bestellen sein.
Erich-Keller 2005
Aus technischen Gründen konnte der Bericht zur Bewirtschaftung des Erich-Kellers auf der Jubiläumskirchweih („250 Jahre Berg“) in dieser Ausgabe nicht mehr veröffentlicht werden. Ich danke vorab Axel und Thomas Fischer für ihre professionelle, souveräne Leitung und den 27 ehrenamtlichen TV-Helfern, allen voran Wolfgang Fritsch, Dieter Höhlein, Heinz Gumbmann, Fritz Weber, Bernd und Heinz Müssenberger sowie Franz Kreutzer und Michael Weber im tiefen, kalten Keller.
Alle neuen Mitglieder heiße ich herzlich willkommen, allen bisherigen Vereinsangehörigen danke ich herzlich