Leitartikel des Präsidenten Wolfgang Beck in der Vereinszeitung Oktober / November 2005

Liebe Mitglieder,


ein Sportverein, der sich neben dem Wettkampfsport zunehmend dem Breiten- und Gesundheitssport verschrieben hat, lebt wesentlich vom Bewegungs- und Gesundheitsbewusstsein der Bürger. Den Sinn hierfür bei Bewegungsmuffeln zu wecken, ist oft sehr schwierig, gelegentlich schier unmöglich.

"Erlangen bewegt sich"?
"Gesundheit erleben, Gesundheit ERLANGEN" (Jahresmotto), "Bewegendes Erlangen" (Stadt- und Bürgerprojekt), "Erlangen wird fit" (Kampagne des Gesundheitsministeriums), "Erlangen bleibt Bayerns Radler-Hochburg" (Deutschlandweite Umfrage) - die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Man gewinnt den Eindruck, wenn man die Erlanger Nachrichten liest oder an Projekten teilnimmt, da ist eine ganze Stadt auf dem Gesundheits- und Bewegungstrip.
Verstärkt wird der Eindruck noch durch die Sportgroßveranstaltungen für jedermann, an denen oft Tausende teilnahmen: Skate-Night, Stadtmarathon, Stadtstaffellauf, Rädli u. s. w. Die TV-Triathlonabteilung ist mit drei Großveranstaltungen an dieser Reihe beteiligt: Mitteltriathlon, Radtouristik-Fahrt, Herbstlauf in die Mönau. Erlangen auf den Beinen? Oder doch wenigstens auf den Rädern und Rollen?
Man darf sich da nicht täuschen! Die Gruppe "Bewegung für Nicht-Beweger" im "Bewegenden Erlangen" hat sich ohne vorzeigbare Ergebnisse aufgelöst. Dem Aufruf (und dem Gang der beiden Ministerinnen durch den Schlosspark) der Bundesgesundheitsministerin sind nur ein paar Dutzend Erlanger, die meistens ohnehin schon Sport treiben, gefolgt. Im BIG-Projekt und im Seniorensport ist es schwer, Nichtsportler neu zu gewinnen. In den Sportvereinen sind Tausende jugendlicher Mitglieder, die von ihren Eltern bei deren Anmeldung - weil beitragsfrei - mit angemeldet wurden, ohne selbst Sport zu treiben. Bei den erstklassigen Gesundheitsinformationsveranstaltungen der Unikliniken erscheinen oft nur wenige Interessenten. Und an den Massensportveranstaltungen mit Wettbewerbscharakter nehmen hauptsächlich Auswärtige teil (Ausnahme: Stadtstaffellauf).
Die Frage bleibt, ob wir nicht mit unserem ganzen organisatorischen und finanziellen Aufwand immer wieder dieselben Sportler, Beweger, Gesundheitsbewussten erreichen, die ohnehin schon unterwegs sind? Die Antwort hierauf kann meiner Meinung nach nur eine wissenschaftliche Evaluation inklusive einer Befragung der gesamten Erlanger Bevölkerung geben.
Ein trübes Kapitel in der Geschichte der Straßengroßveranstaltungen stellt für mich die fehlende Akzeptanz mancher Anwohner dar. Was die Veranstalter in den Leserbriefen unserer Tageszeitung vorgesetzt bekamen, ist einer Stadt mit dem Anspruch Erlangens unwürdig. Aufgeregtheiten, Beschuldigungen, Forderungen von Bürgern, die offenbar nicht wissen, war vor ihrer Tür geschieht: Die Erlanger Nachrichten hatten die temporären Sperrungen der betroffenen Straßenzüge angekündigt. Erlangen bewegt sich? In manchen Köpfen jedenfalls nicht!
Protestaktionen
Ende Mai hatte der BLSV Bezirk zu einer Informations- und Ausspracheveranstaltung in Uttenreuth geladen. Ein neues Verteilungsprinzip und eine neue starke Kürzung (z. T. Streichung) der staatlichen Fördermittel für das Jahr 2006 waren das Thema. Der TV 1848 hat - mit Beifall der anwesenden Vereinsvertreter bedacht - Protestaktionen angekündigt. Mit Informationen an die Führung des Freiburger Kreises, einem Offenen Brief an die Abgeordneten des bayerischen Landtags und einer Unterschriftenaktion der Erlanger Großvereine haben wir diese Protestankündigung umgesetzt. Dem Turnverein (905 Unterschriften) sind der ATSV (315), die Spielvereinigung (249) und Dechsendorf (249) wirksam zur Seite getreten. Nach der Übergabe der Listen an den BLSV Kreisvorsitzenden Walter Fellermeier (Die Erlanger Nachrichten berichteten laufend - einen herzlichen Dank an die Sportredaktion für die Unterstützung!) sind sie mittlerweile von ihm an den Landesvorsitzenden des BLSV übergeben worden. Günter Lommer bei der Überreichung der Listen: "Ich bin froh, dass da jetzt ein Protest aus den Vereinen greifbar geworden ist. Ich habe schon länger auf so etwas gewartet."
Wir werden die Entwicklung gespannt weiter verfolgen. Wie das bayerische Regierungsbeamtentum denkt, wird aus einem für mich teilweise empörenden Antwortbrief des Ministerialrats Grillenberger an die Vorsitzende des Freiburger Kreises Sylvia Glander erkennbar: Er meint, "dass das Bemühen der Sport treibenden Bürgerinnen und Bürger, sich beweglich und gesund zu halten, in erster Linie ein berechtigtes Eigeninteresse dieser Bürgerinnen und Bürger darstellt. Als Angehörige der Bevölkerung des Freistaats Bayern sind sie selbst Teil des Staates und damit … gehalten, im Interesse der Allgemeinheit ihre eigenen Interessen eigenverantwortlich wahrzunehmen." Ja, wenn das so ist, Herr Ministerialrat, kann der Bürger ja auch einen Teil seiner Steuern an sich selber zahlen! Damit ich hier nicht falsch verstanden werden, zwei Nachbemerkungen. Es geht dem Sport nicht um das Sankt Florian Prinzip. Wir sind aber der festen Überzeugung, dass seine Opfer für die Stoibersche Sparorgie bereits viel zu hoch sind. Und ein Letztes: Es geht hier nicht um Parteipolitik, nicht um eine Auseinandersetzung mit der CSU (Wir würden uns mit einer SPD Landesregierung genauso verhalten. Gibt es eigentlich noch eine?). Es geht um eine systemimmanente Kontroverse zwischen sozial und kulturell ausgerichteten Institutionen der Bürger und dem Staat!

Zum Schluss, liebe Mitglieder, heiße ich alle Neuen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, im TV 1848 herzlich willkommen. Begrüßen möchte ich hier auch unsere neue Abteilung JuJitsu, von der ich eine dauerhafte Etablierung der Selbstverteidigung in Notsituationen erwarte. Sie ist in der heutigen Zeit ein notwendiger Teil im Sportangebot eines Großvereins.